Mit dem Bus von San Pedro de Atacama nach La Serena

Alles wird besser in Chile, haben sie gesagt. Die Busfahrten sind pures Vergnügen, haben sie gesagt. Und wo sind all die Menschen, die mich in Sicherheit haben wiegen lassen? Nun sitze ich hier. Der Wind peitscht. Jedes vorbeifahrende Auto verursacht einen dermaßen starken Windsog, dass der Bus wie ein Papierspielzeug hin und her getragen wird. Die Geschwindigkeitsanzeige links über mir bewegt sich im hohen Neunziger Bereich und ich sehe schon die Rücklichter eines vorausfahrenden Autos bedenklich schnell näher kommen. Ich starre mit vor Angst weit aufgerissenen Augen nach vorne. In letzter Minute kann der Bus überholen. Ein entgegenkommendes Fahrzeug wurde vom Fahrer anscheinend von vornherein ausgeschlossen.Es ist immer schön, wenn Erwartung und Realität übereinstimmen.

Ich sinke in meinen Sitz zurück. Natürlich sitzen wir wieder auf Manuel’s Lieblingsplätzen: Oben. Erste Reihe. Die Beinfreiheit hier ist unschlagbar und die Aussicht traumhaft. Ist nicht zu bestreiten und solange die Sonne am Horizont steht und ich durch die faszinierenden Landschaften Südamerikas abgelenkt werde, kann ich diesen Sitzplatz auch in vollen Zügen genießen. Ist aber der letzte Film geschaut und die Landschaft in so dunkles Schwarz gehüllt, dass nur der schmale Schein der Scheinwerfer einen die Fahrbahn erahnen lässt, ist es mit meiner Gelassenheit vorbei. Im Augenblick sehe ich mal wieder nur, wie unser Busfahrer auf einen LKW zu rast, der viel langsamer fährt und uns bedrohlich näher kommt. Ich trete unwillkürlich auf die Bremse doch leider erzielt das überhaupt keinen Effekt. Unser Busfahrer überlegt kurz zu überholen, die kurvige Straße mit dem metertiefen Abgrund scheint ihm noch nicht Herausforderung genug zu sein. Aber da kommt uns ein Auto entgegen und selbst unser Busfahrer gibt nach. Währenddessen hat er natürlich nicht die Geschwindigkeit gedrosselt und nun steht er doch vor einem größeren Problem. Einen weiteren Überholversuch startet oder mit allem was er hat in die Eisen gehen und hoffen dass es reicht. Vorerst entscheidet er sich für eine Art Lichthupe. Er will wohl den vorausfahrenden LKW auf die drohende anrollende Gefahr aufmerksam machen, der lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Also bremsen. Ich werde hart in meinen Gurt gedrückt. Wie immer auf solchen Fahrten scheine ich jedoch die Einzige zu sein, die mit fehlendem Vertrauen in den Lebenswillen und die Fahrqualitäten des Busfahrers zu kämpfen hat. Alle MÄNNER um mich rum — die restlichen Frauen, die sich noch im Bus befanden sind schon vor Stunden in Antofagasta ausgestiegen, sollte ich mir Gedanken machen?— schnarchen lautstark vor sich hin. Selbst meiner zeigt sich ziemlich unbeeindruckt. Ich hingegen sitze mit weit aufgerissenen Augen auf meinen Platz, schicke Stoßgebete nach oben und leide.

Ein weiterer Hustenanfall quält mich. Nachdem meine beiden Mitstreiter mich seit Wochen versuchen mit ihren Viren und Bakterien zu infizieren hat sich mein Immunsystem bis gestern erfolgreich gewehrt. Doch nun hat es auch mich erwischt. Husten, Halsweh, Schnupfen, angegriffene Nasennebenhöhlen. Ein Elend. Besonders wenn man im Bus sitzt, keine Luft bekommt und turnusmäßig alle halbe Stunde einen Höhenunterschied von annähernd 2000 Metern überwindet. Ich habe das Gefühl mein Trommelfell verabschiedet sich gleich auf unangenehme Weise. Zum hundertsten Mal drücken ich auf meinem Handy rum, in der Hoffnung mich mit meinem neuen Zoo ablenken zu können. Es hilft für ganze 30 Sekunden bis in meinem Sichtfeld wieder weitere Boten des Sensenmanns auftauchen.

Nach 17 Stunden steige ich völlig erschöpft um 6 Uhr morgens aus dem Bus. Ich habe nur noch einen Wunsch: Ein bequemes Bett. Zum Glück steht die nächste Busfahrt erst nächste Woche wieder an.

Kategorien Chile
Franzi

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Mit dem RFD Reiseblog kann ich meine größte Leidenschaft - das Reisen, mit meinem liebsten Hobby - dem Schreiben, verbinden. Neue Sprachen erlernen und die exotischen Küchen aller Welt testen. Ich bin nämlich auch ein kleines Leckermaul und ein gutes Essen kann einen blöden Tag retten. Mein nächstes großes Ziel: mein Tauchschein!

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