Großstädtische Hitzehölle in Guayaquil

Als wir nach 30-stündiger Busfahrt abends in Guayaquil aus dem Bus steigen, verschlägt es uns für einen Moment den Atem. Es ist heiß und unglaublich schwül. Nach Wochen, in denen ich es des Öfteren bereut habe, keine Daunenjacke eingepackt zu haben und der trockenen Hitze der peruanischen Wüste, haben wir nun eine völlig andere Klimazone erreicht. Wird befinden uns nur wenige hundert Kilometer vom Äquator entfernt und spüren die tropischen Gefilde mit jedem Atemzug. Ich will nur noch aus meinen langen Reiseklamotten raus. Unser Hostelzimmer ist zum Glück mit Klimaanlage ausgestattet und erschöpft von der langen Fahrt und dem drückenden Wetter schlafen wir fast 12 Stunden durch.

Als wir am nächsten Tag ein wenig die Stadt entdecken wollen, wird uns schnell klar warum Guayaquil einer der wärmsten Flecken Ecuadors ist. Die sengende Sonne brennt erbarmungslos auf uns runter und die überaus hohe Luftfeuchtigkeit setzt unseren verweichlichten europäischen Körpern ziemlich zu. Aber wir sind nicht die Einzigen. Während die wenigen Touristen den Tag lieber in ihrer klimatisierten Unterkunft verbringen oder sich hechelnd mit der Hand versuchen einen Hauch Abkühlung zu verschaffen, schlendern die Einheimischen ganz entspannt in langer Hose und ohne eine einzige Schweißperle zu vergießen über die Straßen des Zentrums.

Das Wetter in Guayaquil bildet jedoch nicht den einzigen Superlativ. Guayaquil ist mit über 3 Millionen Einwohnern im Stadtgebiet die größte Stadt Ecuadors und der wichtigste Hafen des Landes.

Die Gründungsgeschichte, sowie die Herkunft des Namens können nicht einwandfrei belegt werden. Sicher ist jedoch, dass die Stadt, bis sie ihren jetztigen Standort am Westufer des Río Guayas, circa 50 km oberhalb von dessen Mündung in den Golf von Guayaquil, inne hatte, mehrfach verlegt wurde, um den Ansprüchen der spanischen Eroberer gerecht zu werden. Am 25. Juli 1547 war es dann soweit. Gayaquil hatte endlich seinen finalen Platz auf der Landkarte gefunden. Und somit wurde die offizielle Gründung vollzogen. Der Name, der jedoch schon früher für die entsprechende Gebietsbezeichnung auftaucht, setzt sich der Legende nach aus den beiden Name des Häuptlings Guayas und dessen Frau Quill zusammen, die dieser getötet haben soll, bevor er sich im gleichnamigen Fluss ertränkte, um nicht den Spaniern in die Hände zu fallen. Irgendwie kein gutes Omen für eine Stadt.

Durch seine exponierte Lage auf halber Strecke zwischen Lima – damals war Guayaquil Teil des Vizekönigreichs Peru – und Mittelamerika wurde die Stadt rasch zu einem der bedeutensten Häfen Südamerikas.

Bis ins 20. Jahrhundert musste sich Guayaquil immer wieder Angriffen von außen erwähren. Die Stadt war ein beliebtes Ziel von Piratenüberfällen, wurde Opfer mehrere Feuerkatastrophen, musste Geldfieber-Epidemien überstehen und war Schauplatz zahlreicher Aufstände und Staatssreiche.

Wirtschaftlich wichtig, touristisch unbeachtet, hatte Guayaquil sich über die Jahrhunderte einen schlechten Ruf erarbeitet: grau, schmutzig, gefährlich. Noch heute bummelt man nicht völlig unbedarft durch die Stadt. Ich drehe mich doch das ein oder andere Mal öfter um. Und um den Cerro del Carmen machen bis heute sogar die Einhemischen einen großen Bogen. Insgesamt erweckt die Innenstadt keinen sonderlich einladenden Eindruck. Obwohl im Herzen der Stadt, sind viele Läden geschlossen und die übrigen wirken heruntergekommen. Die Straßen und Gehwege weisen die üblichen Stolperfallen auf und die Gebäude aus den 60zigern haben ihre besten Zeiten längst hinter sich. Man sieht, dass schon lange kein Cent mehr in die Hand genommen wurde.

Ganz anders hingegen verhält es sich beim Vorzeigeprojekt der Stadt: dem Malécon 2000. Die Uferpromenade, die im besagten Jahr nach ausführlicher Renovierung neu eröffnet wurde, ist das moderne Wahrzeichen der Stadt und lädt zum Flanieren ein. Es gibt einen winzigen Vergnügungspark für die ganz Kleinen, fliegende Händler mit einem breiten Angebot von Schokoriegeln über Bananenchips und geröstetn Maiskörnern, Getränkeautomaten, Sitzgelegenheiten und einen tollen Blick auf den Río Guayas. Die bräunliche und wenig einladende Färbung vergisst man jedoch, wenn man seinen Blick über diesen breiten, beeindruckenden Fluss schweifen lässt. Die Verheißungen des Pazifiks und der Welt die dahinter liegt scheinen so nahe zu sein. In dem Moment kann ich verstehen, warum Menschen vor vielen hundert Jahren ins Ungewisse aufgebrochen sind, dem Ruf einer schönen neuen Welt folgend. Um das unbedarfte Vergnügen zu vervollkommnen, steht an jeder zweiten Ecke ein Polizist, der einem das Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Am nördlichen Ende von Guayaquil schließt sich das restaurierte Vergnügungsviertel Las Peñas an. Farbenfroh und mit viel Liebe zum Detail wurde das einstige Elensviertel wieder zum Leben erweckt. Wenn man tagsüber motiviert ist, kann man die 444 Stufen bis zum alten Leuchtturm auf dem Cerro Santa Ana hinaufsteigen und einen weiten Blick über die Stadt genießen.

Unsere erste Begegnung mit Las Peñas haben wir an unserem zweiten Abend. Eine der jungen Damen, die an der Rezeption unseres Hostels arbeitet, hat uns zu einer Party eingeladen. Kein Eintritt und es wird für das leibliche Wohl gesorgt. Da sind wir natürlich dabei. Wir betreten eines der alten Häuser und entspannte Musik schlägt uns entgegen. Eine Treppe hoch und wir stehen in einem kleinen Patio. Ein DJ sorgt für die entsprechende musikalische Untermalung. Wir schlagen uns zur Bar durch und genehmigen uns erstmal zwei äußerst süffige Sangrias. Vom Patio zweigen einzelne Zimmer ab, die Fenster sind weitgeöffnet und die Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen, schnacken, lachen und genießen das Leben. Man bekommt den Hauch einer Ahnung des ecuadorianischen Lebensgefühls. Wir lächeln uns an und genießen den Augenblick, schwingen ein wenig – ok nur ein ganz klein wenig – die Hüften im Takt der Musik, saugen die Atmosphäre auf. Nach ein paar weiteren Drinks, geht es beschwingt zurück ins Hostel und wir malen uns in den buntesten Farben aus, was Ecuador noch alles für uns zu bieten hat.

Trotz seiner unbestreitbar schönen Seiten ist Guayaquil kein typisches Reiseziel und wäre es nicht ein Auffangbecken für Galapagos-Reisende, würden sich zurecht wohl nur sehr wenige Touristen in diese Stadt verirren. Auch wir werden nicht richtig warm mit dieser Stadt. Es ist einfach zu heiß, zu grau und kulinarisch leider einer der Tiefpunkte auf unserer Reise.

So treten wir, nachdem wir alle wichtigen Schritte für die nächsten Reiseetappen organisiert haben, mit leichtem Herzen die Weiterreise an.

Kategorien Ecuador
Franzi

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Mit dem RFD Reiseblog kann ich meine größte Leidenschaft - das Reisen, mit meinem liebsten Hobby - dem Schreiben, verbinden. Neue Sprachen erlernen und die exotischen Küchen aller Welt testen. Ich bin nämlich auch ein kleines Leckermaul und ein gutes Essen kann einen blöden Tag retten. Mein nächstes großes Ziel: mein Tauchschein!

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